Luthergedächtnis an höheren Schulen in der Mark und in Berlin (1839-1939)

Beinahe ein Stück Politischer Psychologie bietet eine Rückschau auf das Luther- und Reformationsgedächtnis an den höheren Schulen in der Mark und in Berlin. Sie fokussiert das 19. Jahrhundert und die Zeit bis zum Zweiten Weltkrieg. In dieser Phase ging es in erster Linie um die Benutzung der Aura Luthers für das Nationale und das Bestreben, ihn als Ursache vieler Glanzpunkte namhaft zu machen. Martin Luther sollte im Wesentlichen der deutsche Mann sein und mit den vielen Facetten, die dem Personenbild und Schaffen eignen, vielen Wünschen und Hoffnungen eine Andockstelle bieten. Mehrere Brücken sorgten für den Kontakt zu ihm als Heilsquelle.

Kirchliche Schulfeierlichkeiten trugen dazu bei, die enge Verbindung des preußischen Staates und des evangelischen Glaubens sichtbar zu machen und zu festigen, namentlich in Berlin seit 1839 durch eine Feiertagsvision des Magistrats für hundert Jahre. Spätestens beim Beginn des Ersten Weltkriegs erreichte der Missbrauch der nationalreligiösen Gedankenverbindung einen Höhepunkt, wenn Krieg und Sterben als gottgesegnet aufgefasst wurden. Schon im Ersten Weltkrieg hatten gewisse Kreise des Bürgertums „im Rahmen ihrer kollektiven Selbstanbetung“ für eine böse Ausstrahlung gesorgt. In dieser vermischten sich das Gefühl von Höherwertigkeit und Unterwürfigkeit zu einem gefährlichen Nebel, in dem die Belange der Menschenwürde unsichtbar blieben und alles geopfert wurde für den Tod in Blut und Schlamm: Gegner, Nachbar, die eigenen Kinder.

Die Deutschen fuhren fort, für sich die Gefolgschaft eines gottgesegneten Herrn oder „Führers“ zu wollen und gegen alle Widersprüche und Zweifel zu verteidigen. Zwei große Kriege verfolgten unter anderem das Ziel, die Vorstellung einer beglückenden Beziehung von Herrschaft und Gefolgschaft zu bewahren: Je würdiger der Herr um so ehrenvoller die Gefolgschaft, und in den kollektiven Wahnvorstellungen verschmolzen die Umrisse eines „Führers“ mit dem Schattenriss Martin Luthers.

Bis zum Schuljahr 1936/37 war die schulische Gedenkpraxis im Wesentlichen geblieben wie zuvor: mit Feierstunde, Ansprache, Medaillen. Der gemeinsame Kirchgang war noch weit verbreitet. Im Schuljahr 1937/38 traf der 31. Oktober auf einen Sonntag; ein Konfliktpotential war vertagt. Kirchgang kam nicht mehr vor, so weit das die Schulprogramme vermitteln. Im Schuljahr 1938/39 kam das Medaillenverbot durch das Reichserziehungsministerium und 1939/40 das Feierverbot für die Schulen: dafür Schulfrei.

Auch religiöse Orientierung wird immer wieder missbraucht für die Zwecke von Machtgewinn und Machterhalt: im Dienste einer Fassade von Scheinheiligkeit und eines ewigen Als-ob. Mit dieser „Quasi-Opferrolle“ war auch Martin Luther in großer Gesellschaft, wenn er als Helfer verstanden wurde auf dem Wege, Eindeutigkeit und Verbindlichkeit zu konfigurieren für jene, die etwas zu bestimmen haben. Aber: Der strikte, aggressive Wunsch nach Ein-Deutigkeit und Ein-Förmigkeit an Stelle des vielfältigen Gewinns durch Verschiedenheit ist ein unreifer, kindischer Strom aus harten Herzen.

Der Ideengeschichtler Isaiah Berlin ist überzeugt: Das Beharren auf quasi-idealen, übereindeutigen Positionen „mündet mit hoher Wahrscheinlichkeit in Leiden, Enttäuschung und Scheitern“. Auch für das Verständnis vom Leben und Weiterwirken Martin Luthers und für alle, die von ihm – trotz aller Spannungsmomente und Widersprüchlichkeiten – bedeutende Impulse und Dynamik in Richtung auf Menschenwürde und Menschenrechte ableiten, empfiehlt sich Kants reichlich ungewöhnlicher Gedanke, den Isaiah Berlin weitergereicht hat: „Aus so krummem Holz, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Grades gezimmert werden.“

>>> 28, im Erscheinen

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